Charakter- statt Geschlechterquote

Benjamin „crackpille“ Siggel hat im LQFB der Piratenpartei eine Initiative gestartet, die ich absolut bemerkenswert finde.

Die Piraten führen für die Aufstellung von Listenkandidatinnen und Listenkandidaten eine Skill-Quote ein.

Diese Quote soll unabhängig von anderen demografischen Eigenschaften den subjektiv empfundenen „Charakter“ der Kandidierenden betreffen. Der Begriff Charakter ist sicher kein messbarer, es geht daher vor allem um die konkrete Selbsteinschätzung jedes Individuums.

Hierfür wird die aufzustellende Liste vor einer Wahl in zwei Teillisten differenziert.

In die erste Liste tragen sich – nach ihrer Selbsteinschätzung – dominante Persönlichkeiten, die sich schwerpunktmäßig durch aktive Skills definieren (zum Beispiel Ehrgeiz, Meinungsstärke, Sendungsbewusstsein, Schlagfertigkeit etc.). In die zweite Liste tragen sich – nach ihrer Selbsteinschätzung – zurückhaltendere Persönlichkeiten ein, die sich schwerpunktmäßig durch klassische Soft Skills definieren (zum Beispiel Vermittlungstalent, Teamorientierung, Geduld, Stabilisierungsfähigkeit etc.).

Am Ende werden beide Listen in einem noch zu diskutierenden Verhältnis zusammengefügt.

Dabei steht es allen Kandidierenden frei, sich eigenständig für eine der beiden Listen zu entscheiden und diese Entscheidung kann auch von Dritten nicht angefochten werden. Die Beurteilung der Versammlung, ob die Selbsteinschätzung der Wahrnehmung durch die anderen entspricht, wird mit dafür ausschlaggebend sein, ob eine Kandidatur Erfolg hat.

Gehen wir einen Schritt zurück. Der Vorschlag geschieht auf dem Hintergrund der Diskussion über eine Geschlechterquote auch für die Ämter in der Piratenpartei. Wieso brauchen wir eigentlich eine Geschlechterquote (in anderen Parteien ehrlicherweise „Frauenquote“ genannt)?

Bisher setzen sich in führenden Positionen überall in der Gesellschaft überwiegend Männer durch. Durchsetzungsfähigkeit gehört zu den klassisch männlichen Eigenschaften.

In den letzten Jahren macht sich aber sogar in der Wirtschaft die Erkenntnis breit, dass „diversity“ ein wichtiger Erfolgsfaktor für Teams, auch Führungsteams ist. Eine Struktur, in der traditionell „weibliche“ Kompetenzen unterrepräsentiert sind, hat einen Selektionsnachteil, in der Politik ebenso wie in der Wirtschaft. Das ist die Begründung für Frauenquoten in Parteien und Vorständen. (Früher war das Hauptargument die Gleichberechtigung, das hatte aber offensichtlich weniger Überzeugungskraft 😦 )

Der Grund, warum wir Frauen in Führungspositionen wollen, ist aber nicht ihr körperliches Geschlecht, sondern das traditionell weiblich assoziierte Skillset von sozialer Wahrnehmung, Kooperativität, Geduld und Integrationsvermögen. Die prototypisch männlichen und weiblichen Eigenschaften sind aber nicht eindeutig nach Geschlecht verteilt. Ebenso wie dominant-durchsetzungsfähige Frauen gibt es teamorientiert-bestärkende Männer.

Bei einer klassischen Frauenquote ist zu erwarten, dass vor allem die Alpha-Frauen Karriere machen (schaut unsere Regierung an). D.h. eine Geschlechterquote mag für mehr Gerechtigkeit sorgen, eine bessere Repräsentation aller Skillsets schafft sie allenfalls sekundär.

Der Vorschlag einer „Charakterquote“ behandelt vor allem den Diversity-Gedanken. Er garantiert keine Geschlechtergerechtigkeit, aber eine gleichmäßige Wertschätzung aller Charaktere. Wenn jemand über die zweite Liste (die mit den Soft Skills) gewählt wird, dann nicht, weil sie eine Frau ist, sondern weil ihre (oder seine) besonderen Eigenschaften gebraucht werden. Darin liegt eine ganz andere Wertschätzung als in einer Frauenquote (bzw. „Quotenfrau“).

Und gleichzeitig werden die Kandidaten der ersten Liste ausdrücklich für ihre aktiven, vorwärtstreibenden Kompetenzen gewählt. Kein Mann braucht sich dann unterstellen zu lassen, er habe mit seiner Macho-Kompetenz eine Frau verdrängt. Wir brauchen diese Macher, die vor einem Mikrofon auch mal laut werden können, die Menschen mitreißen und voranbringen. Und wenn das Alpha-Gehabe nicht der einzige Weg ist, Einfluss in der Piratenpartei zu gewinnen, braucht sich auch keiner für diesen Charaktertyp zu schämen. (Solange er sich ab und zu auch korrigieren und wieder zurückholen lässt.)

Allein für dieses Menschenbild, für diese implizite Wertschätzung sowohl der männlich wie auch der weiblich assoziierten Eigenschaften, verneige ich mich vor @crackpille für diesen Vorschlag! Das ist wohl das, was man irgendwann „postgender“ nennen wird.

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