Menschen unter uns

Gestern mussten wir uns von einem langjährigen, sehr geschätzten Kollegen verabschieden, weil er eine Oberarztstelle antritt. Es gab den üblichen Ausstand mit Kaffee und Kuchen, Abschiedsgeschenken und einer Ansprache des (stellvertretenden) Abteilungsleiters. Dann ergriff er auch selbst noch das Wort und sagte etwas Bemerkenswertes:

Er wolle aus aktuellem Anlass der letzten Tage etwas hervorheben, was ihm wichtig war. (Und dabei rang er erkennbar um seine Fassung.) Er sei bei uns immer als Mensch akzeptiert worden, habe arbeiten können, wie er es gelernt hatte, bei Meinungsverschiedenheiten seien die unterschiedlichen Ansichten gegeneinander gestellt und abgewogen worden, manchmal seien auch die Temperamente aufeinander geprallt, aber immer habe er — als Mensch und als Arzt ernst genommen — bei uns seine Arbeit tun können.

Ich fragte mich schon, warum solche Dinge, die eigentlich selbstverständlich sind, ihm die Tränen in die Augen treiben. Aber dann kam das Besondere:

Er ist das, was man heute einen Flüchtling nennt. Das ist schon länger her, er ist damals vor dem Bosnienkrieg hierher geflohen. Aber die vielen Menschen, die auch jetzt vor Krieg und Hunger zu uns fliehen, machen diese Geschichte wieder aktuell. Und er appellierte an uns, diese Menschen ebenso wie ihn aufzunehmen, und ihnen eine Chance zu geben, ihren erlernten Beruf auszuüben und ihren Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Viele von ihnen haben einen Beruf, sind Ärzte (oder Handwerker, Ingenieure, Lehrer usw.) wie wir. Sie sind nicht nur Fremde, die bei uns Zuflucht suchen, sondern Menschen, die etwas gelernt haben und wertvoll für andere sein können und wollen.

Lieber Adem, ich wünsche Dir viel Erfolg und Zufriedenheit an Deiner neuen Stelle. Du wirst mir im Gedächtnis bleiben, weil ich gerne mit Dir zusammengearbeitet habe — aber auch wegen Deiner Abschiedsrede.

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